Mutig sein!

Mein Bericht zum Fachtag Partizipation und Beteiligung am 17.2.20 in Berlin


Dieser Fachtag hat Mut gemacht. Mut, dass die Fähigkeiten und die Stärken von Kinder und Jugendlichen zukünftig wahr- und ernstgenommen werden. Dass sich das enorme Potential, was die heranwachsende Generation zur Gestaltung ihres Lebensraumes mitbringt, entfalten darf und nicht durch Hierarchien und andere Machtstrukturen zu verkümmern und verdorren droht.

Dieser Fachtag hat aber auch gezeigt, dass es Mut braucht, Mut die eigenen Ängste zu überwinden, dass etwas schief gehen könnte, dass Kinder und Jugendliche mit ihren ungewohnten Ideen und Gedanken keine Bedrohung darstellen, sondern dass sie selbstwirksam und konstruktiv die Welt, ihre Welt gestalten wollen und dass sie von Rechts wegen dazu sogar befugt sind. Es braucht aber häufig auch Mut, den Kindern und Jugendlichen etwas zu zutrauen, auch wenn es so scheint, als führte es nicht in die Richtung, von der wir glauben es sei die richtige. Mut dies auszuhalten und trotzdem beim Scheitern, bei Fragen präsent zu sein, Ansprechpartner zu sein, zu begleiten.

Ich habe auf dem Fachtag die Leiterin der Kita Perelsplatz 5 in Berlin kennengelernt. In unserer Arbeitsgruppe berichtete Sie davon, dass es in ihrer Einrichtung seit vielen Jahren keine Regeln gäbe. Im folgenden Dialog wurde deutlich, was sie meinte. Es gibt keine niedergeschriebenen Regeln, sondern die Menschen begegnen sich jeden Tag in vielfältigen Situationen und prüfen in authentischer Weise, was für jeden von ihnen wohltuend und passend ist. Die Kinder gehen rein und raus wann sie wollen, sie kommen und gehen zum essen wann sie wollen. Mich hat das total begeistert. Demnächst werde ich die Kita besuchen gehen.

Auf Grund meiner Euphorie habe ich ganz vergessen, dass dieser Fachtag in seiner Form bisher einzigartig war. Im Pestalozzi-Fröbel-Haus haben auf zwei Etagen Erwachsene und Kinder und Jugendliche am Thema Partizipation gearbeitet. Besonders berührt hat mich dabei die Zeit des gemeinsamen Austauschs, bei welchem ich mit vier Kindern, im Alter von ungefähr 9-11 Jahren und zwei weiteren Erwachsenen an einem Tisch saß. Neben spannenden Ideen der Kinder, wie in ihren Schulen das Essen und die Toiletten verbessert werden könnten, haben zwei Kindern Dinge notiert, die mich wieder mal nachdenklich gemacht haben. Ein Mädchen schrieb, dass sie sich für alle Kinder eine gute Behandlung wünscht, auch wenn präsentierte Leistungen nicht so gut sind. Das andere Mädchen äußerte, dass sie sich in der Schule wohlfühlen möchte, dass sie sich Gerechtigkeit und einen respektvollen und anerkennenden Umgang wünscht.

Verschiedene Impulsreferate haben im Laufe des Tages verschiedene Aspekte des Themas beleuchtet. Herr Dr. Ludger Pesch Direktor des Pestalozzi-Fröbel_hauses berichtete von einem Projekt, bei welchem Kinder mit ihrer Erzieherin ein Spielgerüst ergänzten und umbauten. Von Fr. Prof. Dr. Mechthild Wollf von der Hochschule Landshut erfuhren wir von den Gefahren der strukturellen Macht, bei welcher Autoritätsmacht gegeben durch die Rolle oder die Qualifikation zu Missbrauchsmacht werden kann. Dass es deshalb wichtig ist, präventiv mögliche Machtquellen und dadurch entstehende Gefährdungen zu kennen und entsprechende Schutzkonzepte zu entwickeln.

Frau Dr. Nkechi Madubuko sprach in ihrem Videobeitrag unter anderem von notwendigen Räumen für Empowerment für Kinder und Jugendliche und dass dies eine wichtige Erziehungsaufgabe sei.

Ebenfalls in einem Video hörten wir ein Interview mit Herrn Prof. Dr. Hartmut Wedekind von der Alice Salomon Hochschule Berlin. Er sprach davon, dass Partizipation nur dann gelingen kann, wenn Hierarchien abgebaut werden, wenn Macht mit den Kindern und Jugendlichen geteilt wird, wenn Erwachsene Demokratie vorleben, was bedeutet, dass die Vereinbarungen und Regeln des Umgangs jährlich, monatlich, ja sogar täglich neu erstellt und ausgehandelt werden müssen. Man staune, dass dies in der bereits erwähnten Kita Alltag ist.

In einem letzten an mir vorbeiströmenden Impuls ging es um Studien mit Menschen die Führsorge-Situationen verlassen haben, sogenannte Care-Leaver und welche Herausforderungen sich in Bezug auf Beteiligung für diese Menschen und ihre Umwelt daraus ergeben haben.

Dieser Fachtag hat gezeigt, was alles noch zu tun ist, aber er zeigte auch, was alles schon passiert; Kinder und Jugendparlamente in Kommunen und Bezirken, Schulen, Kitas, die neue Wege gehen, sowie viele Menschen, die sagen und bekunden, lasst uns die Zukunft gemeinsam gestalten. Lasst uns Ideen und Gedanken zusammenbringen, lasst Neues entstehen, lasst uns die Angst voreinander auslachen und Mut haben die Zukunft gemeinsam zu gestalten.

8 Ansichten