Gleichwürdig Führen ohne Schuldgefühl

„Kinder brauchen heute dringend Erwachsene mit Beziehungskompetenz. Erwachsene, die in einer Art und Weise führen können, dass sich beide wohl fühlen und sich keiner schuldig fühlen muss.“ (Zitat: Jesper Juul, dänischer Familientherapeut)

Diese Aussage von Jesper Juul begeistert mich total. Sie deutet darauf hin, dass wir als Erwachsene, sei es Eltern, Lehrerinnen und Lehrer oder Erzieher*innen die Beziehung zu den Kindern und Jugendlichen so gestalten sollten, dass sich nicht nur die Kinder wohlfühlen, sondern auch die Erwachsenen. Es geht um einen Dialog und Gleichwürdigkeit.

Aus meiner Erfahrung ist es gar nicht so einfach zu wissen, was ich als Mensch brauche, um mich wohl zu fühlen. Häufig meinen wir, dass die anderen dafür verantwortlich sind, da kann man aber manchmal ganz schön lange warten. Also könnte ich das selber in die Hand nehmen und für mein Wohlbefinden sorgen, im besten Falle ohne andere dabei zu beeinträchtigen. Manchmal können andere mich auch unterstützen oder etwas tun oder sagen, was zu meinem Wohlbefinden beiträgt. Das geschieht am ehesten, wenn ich darum bitte, es aber nicht einfordere. Es gibt aber auch viele andere Dinge, die man selber tun oder lassen kann, damit man sich gut und zufrieden fühlt.

Ich merke manchmal, dass Menschen, mit denen ich spreche, mit dem „Für-sich-selber-sorgen“, eher Egoismus verbinden. Egoismus hingegen, bedeutet für mich, dass meine Mitmenschen einen Nachteil dadurch erleiden, dass ich meine Dinge durchsetze. Das meine ich nicht und davon möchte ich mich auch distanzieren. Ich halte das „Für-sich-selber-sorgen“ für eine wichtige Voraussetzung für eine konstruktives Zusammenleben.

Nehmen wir nun mal an, dass ich so gehandelt habe, dass ich zufrieden bin und mich wohlfühle. Nach meiner Erfahrung fällt es nun viel leichter andere Menschen und deren Anliegen und Bedürfnisse wahrzunehmen und auch erfüllen zu können, wenn ich das möchte. Dies gilt auch für die Bedürfnisse der Kinder und Jugendliche, die tagtäglich und sehr deutlich ihre Bedürfnisse und Anliegen äußern. Bin ich nun als Erwachsener mit mir und meiner Situation zufrieden, kann ich ganz anders auf diese Anliegen und Bedürfnisse der jungen Menschen eingehen. Ich werde für mich prüfen, ob ich diese Anliegen und Bedürfnisse erfüllen möchte, ich werde im Gespräch mit den Kindern und Jugendlichen herausfinden, was sie bewegt, wie wichtig ihnen ihr Anliegen ist und vielleicht auch eigenen Gedanken und Ideen dazustellen. Dann werde ich entweder, nach einer Zeit des Überlegens oder auch gleich eine Entscheidung fällen, oder ich werde die Entscheidung den Jugendlichen oder auch den Kindern überlassen. Das ist aus meiner Sicht eine authentische und wertschätzende Führung, bei der das Gegenüber wahr- und ernst genommen wird. Ich werde die Kinder und Jugendliche für das, was sie wollen nicht innerlich oder durch Worte verurteilen. Die Beziehung wird auf Augenhöhe von mir als Erwachsener gestaltet.

Konkret, und dabei ist das nur eine kleine Möglichkeit aus der unendliche Fülle gleichwürdiger Interaktionen könnte ein solcher Dialog folgendermaßen aussehen:

Schüler: Herr Meyer, ich habe gestern keine Hausaufgaben machen können.

Lehrerin: Ich verstehe, du warst gestern mit anderen Dinge beschäftigt, die dir keine Zeit für die Hausaufgaben ließen.

Schüler: Ja, ich war noch beim Sport und musste dann meine kleine Schwester noch bei ihrer Freundin abholen. Ich war dann so müde, dass ich mich nur noch ausruhen konnte.

Lehrerin: Das hört sich nach ´ner Menge Programm an. - Wie machen wir das mit den Hausaufgaben?

Schüler: Ich könnte Sie nachholen.

Lehrerin: Bis wann würdest du das den schaffen.

Schüler: Ich könnte das bis morgen machen, heute habe ich Zeit.

Lehrerin: Bitte prüfe mal ob das realistisch ist, ich möchte morgen nicht nochmal hier stehen, um zu hören, dass du es nicht geschafft hast.

Schüler: Ich denke schon, dass ich das hinbekomme.

Lehrerin: Hast du auch alles verstanden, was du für die Hausaufgaben brauchst.

Schüler: (denkt nach) ja, ich glaube schon. Sonst könnte ich ja auch noch Anton fragen.

Lehrerin: ok.

Wahrscheinlich werden die Hausaufgaben da sein, es kann aber auch vorkommen, dass nochmal was dazwischen kommt. Kehren solche Situationen häufig wieder, ist es möglicherweise angesagt, sich für den Schüler nochmal anders zu interessieren und etwas über sein Leben und sein Umfeld und seine Gedanken und Sorgen in Erfahrung zu bringen. Das heißt ein oder mehrere Gespräche zu führen. Ihn nicht zu verurteilen, weil das auch nichts ändert.

Eine Schwierigkeit gibt es noch. Manchmal trifft man als Erwachsener nach einem Dialog, wie er oben exemplarisch dargestellt wurde, Kraft seiner Macht eine Entscheidung, die nicht den Anliegen der Kinder oder Jugendlichen entspricht (z.B. Ja, ich verstehe, ich verstehe, dass ihr jetzt gerne nach Haus gehen würdet. Ich möchte jetzt aber meinen Unterricht machen, weil ich sonst befürchte nicht mit dem Stoff durchzukommen. Oder so ähnlich), dann werden einzelne oder mehrere Kinder möglicherweise traurig oder gar frustriert sein, weil sie sich auf Unterrichtsausfall gefreut hatten. Das auszuhalten, ist für uns Erwachsene manchmal gar nicht so einfach. Halten wir es ohne Vorwürfe, oder Kommentare („Jetzt hör mal auf zu hier herum zu meckern.“) aus, dann wird dadurch die Beziehung zu den Kindern nicht in Mitleidenschaft gezogen. Die Kinder erfahren, dass sie etwas nicht bekommen, dass sie dann auch traurig oder frustriert sein dürfen, aber deswegen nicht falsch oder minderwertig sind, weil sie ihren Frust zeigen.

Sie brauchen, je nach Situation ein wenig Zeit, um sich an den Gedanken und die Entscheidung zu gewöhnen, wie wir Erwachsene ja auch an vielen Stellen, wenn über uns entschieden wird.

Kinder lernen durch dieses Vorgehen, dass dort ein Mensch steht, der sich Gedanken macht, der mich wahrnimmt, der aber auch Entscheidungen trifft. Kinder lernen, dass ein „Nein“ nicht bedeutet, dass sie falsch sind oder etwas falsch gemacht habe, sie brauchen sich nicht schuldig zu fühlen, ebenso, wie die Erwachsenen die „Nein“ sagen sich nicht schuldig fühlen müssen, weil das Kind frustriert ist. Wenn es so gelingt bleibt die konstruktive Beziehung erhalten.

In allen diesen Gesprächen und Begegnungen werde ich als Erwachsener als ein Mensch mit Grenzen mit Gedanken mit Gefühlen und was noch dazugehört, von den Kindern wahrgenommen.

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