ACHTUNG: 2. Teil Alle kennen es! Aber wer kann es?

Den Besuch der Insel eines anderen Menschen nennt man gerne auch Empathie. Menschen sind nach der Neurobiologie zu Empathie fähig, nach aktuellen Studien bereits Kleinkinder.

Wie wir uns einem anderen Menschen empathisch zuwenden können, ist so einfach wie kompliziert.

Wenn uns ein Mensch etwas erzählt, dann hören wir einerseits Worte und Gedanken, die er oder sie ausspricht. Dann schwingen aber immer auch Gefühle und Emotionen zwischen dem Gesagten mit. Manchmal werden diese Dinge auch von unserem Gegenüber ausgesprochen. Nehmen wir an jemand erzählt von einer Bergwanderung und spricht davon, dass ihn diese Bergwanderung sehr angestrengt hat. Dann kann man diese Anstrengung einerseits den Worten entnehme, aber auch an der Mimik und Gestik und der Art und Weise der Erzählung ablesen.

Um Empathie zu zeigen, kann man nun das, was man an Worten und Gedanken, aber auch das, was man zwischen den Worten wahrnimmt, mit eigenen Worten wiederholen. Wenn also von der Bergwanderung erzählt wird und was die Erlebnisse waren, die mein Gegenüber auf dieser Wanderung durchlebt hat, dann könnte man das einfach wiederholen, man könnte aber auch wiederholen, dass die Wanderung für unseren Gegenüber anstrengend aber auch ein besonderes Erlebnis war. Wir wiederholen Gesagtes und auch anderes, welches wir durch Einfühlen in unseren Gesprächspartner erfahren haben, mit eigenen Worten.

Dies könnte beispielsweise so klingen

Wanderer: „Auf unserer Wanderung sind wir einen schmalen Grat entlang gewandert, bei welchem es rechts und links mehrere hundert Meter ziemlich steil bergab ging.“

Empathisch Zuhörender: „Ihr seid auf einem schmalen Grat entlang gegangen und es hört sich für mich so an, als war das mit einiger Herausforderung und auch etwas Angst für dich verbunden, weil es auf beiden Seiten steil nach unten ging.“

Wanderer: „Ja, genau. Ich musste zusammen nehmen und mich auf den Weg konzentrieren, weil ich leicht unter Schwindelgefühlen leide.“

Wie hier deutlich wird, wiederholt der Zuhörende mit eigenen Worten oder auch wortwörtlich die gehörten und wahrgenommen Gedanken, und Emotionen des Wanderers. Alle eigenen Gedanke und Erfahrungen – wie ist das bei mir mit Schwindelgefühlen, oder wann habe ich letztens eine Wanderung gemacht, oder wann ich in den Alpen war usw. - ist nicht Teil dieses Gespräches und wird zurück gehalten. Auch jede Form von Fragen gehört nicht dazu. Mit Ausnahme von Fragen in der Form: „Habe ich dich/Sie richtig verstanden...“ Das ist wichtig, wenn man diese Form des Zuhörens anwenden will und die Insel meines Mitmenschen besuchen möchte..

Nun zu dem, warum diese Form des Zuhörens und Wiederholens so kompliziert ist. Einen Punkt habe ich schon genannt. Wir wollen gerne unsere Gedanken und Ideen zum Gespräch beisteuern, also von uns erzählen, damit verlieren wir aber den Kontakt zum Anderen, bzw. verlassen seine Insel wieder und erzählen von unserer. Der zweite Punkt ist der, dass uns das Wiederholen von Gehörtem extrem schwer fällt, weil wir den Eindruck haben, dass es sich um Nachäffen handelt. Wir haben gelernt, dass wir etwas wiederholen müssen, wenn wir nicht aufgepasst haben. Das Wiederholen, von Dingen, die wir doch nach unserem Dafürhalten sicher verstanden haben, ist nach meiner Erfahrung mit Hemmungen verbunden. Vielleicht könnte uns unser Gegenüber als ein bisschen meschugge bezeichnen, wenn wir das wiederholen, was er gerade gesagt hat.

Wenn es gelingt, diese Bedenken mal zur Seite zu stellen und das empathische Zuhören anzuwenden, werden wir ganz unterschiedliche Erfahrungen machen. Bei jungen Kindern geht es sehr gut: „Du bist ganz traurig, weil du Sehnsucht nach deiner Mutter hast?“ „Ja, sie ist die ganze Woche auf einer Reise.“ Bei fremden Menschen kann man es auch gut anwenden. Bei einem nahestehenden Menschen ist es fast unmöglich.

Ich möchte Euch einladen es bei nächster Gelegenheit aus zu probieren. Vielleicht wird es am Anfang komisch und ungewohnt sein, aber durch etwas Übung und durch den Erwerb eines eigenen Stils - dieser ist unabdingbar - wird diese Form des Zuhörens zu einer neuen Form der Begegnung mit anderen Menschen führen. Bei mir ist es so gewesen, dass aus einem Handwerkszeug im Laufe der Zeit eine Haltung geworden ist, die mir erlaubt, auf Menschen empathisch, mit Einfühlungsvermögen zu zugehen. Es bereichert mein Leben und die Begegnung zu Menschen werden bedeutsamer.

Über Eure Erfahrungen würde ich gerne etwas erfahren. Wer mehr dazu wissen möchte, kann sich gerne bei mir melden.

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